Bergheld der alten Schule

Veröffentlicht im Zermatt Magazin 2017/18

Autorin: Helge von Giese

Der Bergführer und Expeditionsleiter Klaus Tscherrig steht in bester Tradition der Bergführerzunft Zermatts: Der Gast und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt. Der Hype um den Gipfelsieg ist dem Bergführer fremd. Trotzdem gehört Klaus Tscherrig nun zu den wenigen Schweizern, die die Seven Summits gemacht haben. Wie konnte das passieren? Ein Selbstverständnis in sieben Bildern.

Am 27. Mai 2017 erreichten der Bergführer Klaus Tscherrig und sein langjähriger Gast Mark Ineichen den Gipfel des Mount Everest (8'848 m). Sie komplettierten nach elf Jahren gemeinsamer Wegstrecke die Seven Summits - so nennt man die Besteigung der sieben höchsten Berge aller Kontinente. Aufmerksam wurde die Öffentlichkeit durch die Kurzberichte Klaus Tscherrigs auf seiner Homepage. Das sprach sich herum.

Bericht 1 
Wir sind in Namche angekommen und haben bereits die Bakery besucht. Alle sind motiviert und gut unterwegs.

Nicht dass sich einer täuschen möge: Klaus Tscherrig ist ein typischer Bergler. Im Rampenlicht stehen ist seine Sache nicht. Er kündigt seine Expeditionen auch nicht an. Das würde ihn nur unter Druck setzen. Wenn er aber zurück ist und sieht, dass Menschen Freude an seinen Erlebnissen haben, dann ist er gerne bereit, zu berichten und Vorträge zu halten. Zum Glück sei er von Sponsoring weitestgehend unabhängig. Davon hält er sich fern. Seine Kunden bezahlen ihn. Übrigens: Der Mann, den man 2015 in der Victorinox I.N.O.X. Werbung sah, war Klaus Tscherrig. Das hat Victorinox im Spot dann auch erklärt: „This ist Klaus. Klaus is a mountain guide in Zermatt. He is equipped to work under the toughest conditions.“

Bericht 2 
Salü wier si in Dingoche. Geschter Bsuech Ama Dablam Base Camp und Sägnig bim Lama. Moro geits witter Richtig Island Peak. Alli sind in Form. Grüess Klaus

Die Everest-Geschichte, so Tscherrig, habe ein extremes Echo ausgelöst. „Ich war sehr überrascht, wie viele Leute mitgefiebert haben, obwohl es technisch wahrlich anstrengendere Sachen gibt.“ Der Seven Summits-Besteiger weiter: „Ich bin Bergführer. Ich will mit Kunden da hoch. Ohne Kunden würde ich nicht auf die hohen Berge gehen.“ Es würde Höhenbergsteiger geben, die fünf Mal mit Gästen ausrücken und dann vier Mal alleine auf dem Gipfel wären. Das ist nicht die Welt von Klaus Tscherrig. „Wenn der Gast nicht mehr kann, drehe ich um.“

Bericht 3 
26. April 2017 Mit der Besteigung vom Island Peak 6180m und Lobuche Peak 6'100m, nahe beim Everest, ist unsere erste Akklimatisierung in Nepal gut verlaufen. Wir sind wieder in Kathmandu. Die Trekker haben Ueli Steck vorgestern im Everest Base Camp getroffen. Vor zwei Jahren haben wir hier das Erdbeben hautnah miterlebt. Nepal hat sich gut erholt. Weiterhin ungelöst ist die Entsorgung von Plastik im Land. Unsere spannende Vorbereitung bringt uns in den nächsten Tagen nach Tibet und ins Base Camp Nord vom Everest, 6'400m. Grüess und Namaste Klaus

In der Zeit, in der Tscherrig und sein Gast zur Akklimatisierung in Nepal waren, ist der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck am Nupse, nicht weit vom Everest, verunglückt. Das habe die Stimmung am Berg total verändert, so Tscherrig. Auch waren er und Mark Ineichen 2015 in Nepal mittendrin im Erdbeben, 20 Minuten unterhalb vom Basislager, in dem 23 Personen ums Leben gekommen waren, als dort die Eislawinen abgingen. Tscherrig, der auch im Rettungswesen aktiv ist und in der Gemeinde Täsch in der Funktion Verantwortlicher Naturgefahren tätig ist, sagte gegenüber dem Regionalsender Kanal9: „Als Bergführer ist es meine Aufgabe, das Risiko auf ein erträgliches Mass zu reduzieren.“

Bericht 4 
Am 3. Mai sind wir im Advanced Base Camp auf 6'400m angekommen. Nun gilt es, die Gesundheit zu pflegen und weiter zu akklimatisieren. Eine Nacht auf dem Nordcol auf 7'000m ist der nächste Schritt. Der Wetterbericht ist gut für die kommenden Tage. Bei Kari Kobler [einem Veranstalter, dem sie sich angeschlossen haben] sind wir bestens aufgehoben! Es fehlt an nichts. Es sind, mit den Sherpas, ca. 200 Climber auf der Nordseite. Auf der Südseite sind es 1200.

Rummel am Berg: Das ist jedem Bergführer vom Betrieb am Matterhorn bekannt. Deshalb hatte Klaus Tscherrig grossen Respekt vorm Everest. „Da muss man als Bergführer in seinen Entscheidungen taktisch klug vorgehen.“ Das Matterhorn sei bestes Training, das Dach der Welt zu besteigen.

Bericht 5 
11. Mai 2017 Unsere Akklimatisation ist abgeschlossen. Wir haben zweimal im Nordcol vom Everest auf 7'000m geschlafen und sind bis auf 7'200m aufgestiegen. Eine Zeitlang stimmt uns der Wetterbericht sehr optimistisch für eine rasche Besteigung. Nun aber sagen die Berichte starke Winde bis 18. Mai voraus. Somit steigen wir nochmals bis ins Base Camp auf 5200m hinab, um uns bestmöglichst zu erholen. Die 25km legen wir morgen zurück. Geduld und eine gute Taktik sind Grundvoraussetzungen, um an den höchsten Bergen erfolgreich zu sein. Beste Grüsse aus dem Tibet. Klaus

Nun „turnt“ Klaus Tscherrig doch in der Weltgeschichte herum, obwohl er eigentlich gar nicht weit reisen müsste. „Wir haben so viele schöne Berge hier. Klar, woanders auf der Welt sind sie höher, das Abenteuer ist ein anderes.“

Bericht 6 
22. Mai 2017 Wir sind wieder im Advanced Base Camp auf 6400m. Vorgestern und gestern haben wir die 25km vom BC bis hier wieder zurückgelegt. Wirklich erholen kann man sich nur unterhalb 5400m. Die Tage haben wir genutzt. Die guten Wetterfenster kommen erst jetzt. Mark, Karsten Lafrenz [ein weiterer Stammgast, der der Expedition von Kari Kobler angeschlossen war] und ich planen unseren Gipfeltag für den 27.Mai. Es ist deutlich wärmer als vor zwei Wochen. Die meisten Expeditionen haben ihren Gipfelgang oder Versuch bereits gemacht. Bei den starken Winden und Kälte haben sich nicht wenige Erfrierungen zugezogen oder den Gipfel nicht gesehen. Auf der Nordseite ist einer gestorben, auf der Südseite sechs Bergsteiger. Am 24.5. starten wir zum Nordcol auf 7000m, dann Lager 2 auf 7'900m, Lager 3 auf 8'300m. Von dort wollen wir den Gipfel auf 8'848m erreichen und wenn möglich absteigen bis 6'400m. Wir sind bereit, gesund, motiviert und stellen uns mit dem nötigen Respekt der Herausforderung. Tashi Dele. Klaus

Klaus Tscherrig hatte nie einen Unfall, auch seine Gäste nicht. Höchstens mal einen Fuss verstaucht. Als Bergführer sei man immer wieder in Gefahr. „Wenn ein Steinschlag wenige Meter neben einem vorbei geht, dann weiss man: Jetzt habe ich Glück gehabt.“

Bericht 7 
28. Mai 2017 Gestern morgen um 6 Uhr standen wir auf dem Gipfel vom Mount Everest. Nebel und Guxa haben uns den Aufstieg nicht leicht gemacht. Um 22.30 Uhr sind Mark, Karsten und ich mit unseren Sherpas vom Lager 3 auf 8'300m gestartet. Die Route auf der Nordseite ist anspruchsvoll und mit Fixseilen gesichert. Auf dem Gipfel standen wir 20 Minuten. Die meisten Kameras sind eingefroren, so müsst Ihr auf die Gipfelfotos noch warten. Mark und ich konnten nun alle Seven Summits zusammen besteigen. Dies ist für uns beide eine große Lebenserfahrung. Danke Mark! Wir danken allen, die für unser Projekt in der letzten Zeit mitgefiebert haben. Es ist schön, nach 25 Jahren Bergführerleben treue Gäste und Freunde zu haben. Grüess Klaus

Klaus Tscherrigs erste Tour mit Mark Ineichen war eine Kletterpartie am Riffelhorn Anfang der 2000er Jahre. „Wir sind ein bisschen geklettert und haben ein paar Knoten gemacht, sind nach Zermatt ins Sportgeschäft und haben einen Klettergurt gekauft.“ Ineichen hat das Bergsteigen bei Klaus Tscherrig von Grund auf gelernt. Sie haben gemeinsam alle 4000er der Schweiz bestiegen – und die Seven Summits. Somit gibt es Hoffnung für alle: „Den Mount Everest zu besteigen“, so Klaus Tscherrig, „ist eine Frage des Willens, der Zeit und der Finanzen.“



Klaus Tscherrig & die Seven Summits

Klaus Tscherrig ist Jahrgang 1967. Er legte mit 25 Jahren die Bergführerprüfung ab. Der gelernte Metallbauschlosser ist hauptberuflicher Bergführer, Skilehrer und Wanderleiter. Er engagiert sich als Vize-Gemeindepräsident in seiner Heimatgemeinde Täsch und steht vielen Kommissionen vor. Er ist Beobachter für Naturgefahren, Mitglied des regionalen Sicherheitsdiensts Nikolaital und arbeitet als Bergrettungsspezialist in Zermatt. 2017 erreichten Tscherrig und sein langjähriger Gast Mark Ineichen die Seven Summits, eine Serie der höchsten Gipfel aller Kontinente, die erstmals 1985 vom Amerikaner Dick Bass vollendet wurde. Über die Frage, welche Gipfel den Kontinenten zuzuordnen seien, entstand die sogenannte Messner-Liste, erstellt vom Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner. Ihr folgten auch Tscherrig und Ineichen: Afrika: Kibo 5’895m; Antarktika Mount Vinson 4'892m; Asien Mount Everest 8'848m; Ozeanien Carstensz-Pyramide 4'884m; Europa Elbrus 5'642m; Nordamerika Denali 6'190m; Südamerika Aconcagua 6'962 m.